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Radio Tinnitus

Guten Morgen, es ist fünf Uhr, hier ist wieder der kassenärztliche Klinikfunk, liebe Leute, hier ist Euer Sender: Radio Tinnitus! Radio Tinnitus, unchristlich und musikbereinigt, seid gegrüßt, Freunde der eustachischen Röhre, wie war Eure Nacht? Na, wieder ein rauschendes Fest gefeiert, was?! Es ist fünf nach fünf, raus aus den Daunen, Ihr tauben Eiderenten, und rein in die Kompressionssocken! Radio Tinnitus, der Sender der kassenärztlichen Fürsorglichkeit, Freunde der gebrochenen Steigbügel und verkleisterten Flimmerhaare, macht Euch bereit für den Tag! Los, hoch jetzt, das Klinikpersonal hat anderes zu tun, als auf Euch zu warten, oder was meint Ihr dazu?! Letzten Monat hatten wir einen hier, der hörte im rechten Löffel den Gefangenenchor aus Nabucco, pausenlos, Leute, wie in eine blecherne Gieskanne gegrölt, da habt Ihr´s doch gut mit Euerm Pfeifen und Piepen, oder nicht? Radio Tinnitus, es schlägt zehn nach fünf, und wer jetzt noch nicht auf dem Weg zum Waschraum ist, Freunde der irregeleiteten Labyrinthe, dem macht die Oberschwester aber Beine, dass es nur so rauscht - kleiner Scherz, muss auch mal sein! Und denkt dran, dass auf den Klinikfluren die Regeln der Straßenverkehrsordnung zur Geltung kommen, also immer fein links überholen, Ihr Philosophen zwischen Hör- und Schmerzschwelle. Oder glaubt Ihr, das Personal hat Freude an rausgerissenen Venenzugängen, wenn Ihr Euch wieder mal mit den Schläuchen verheddert habt beim rücksichtslosen Vorbeischieben Eurer Infusionsständer auf der rechten Flurhälfte? Nein, das lästige Hinterherstechen nach rollenden Venen in Euren entzündeten Armbeugen ist kein Spaß, Freunde der Neurotransmitter, da gibt`s Schöneres! Hier ist Radio Tinnitus, der Klinikfunk am Morgen, es ist gleich fünf Uhr fünfzehn und das Frühstück wird langsam warm, also rasiert wird sich dann am Wochenende, nun los, der Ablauf muss laufen, und dann fröhliches Brötchenwürgen, liebe Freunde, gleich halb sechs, schönen Tag noch und bis morgen, dann sind wir wieder für Euch da, Radio Tinnitus, der Kassenfunk, Tschüß!

 

10.3.08 12:50


Igel Ost

Wir waren mal wieder ein paar Tage im Osten - in den teueren Ländern, wie Dieter Hildebrandt sich so humorig wie zutreffend ausdrückte. Das „Grüne Gewölbe“ gehört zu den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und zu sehen gibt´s da die privat gesammelten Schätze von „August dem Starken“. Eine ungeheuerliche Wunderkammer voller Gold und Elfenbein und Edelsteinen - man kann es nicht beschreiben, es ist unbeschreiblich. Das „Grüne Gewölbe“ war also nach der Restaurierung wiedereröffnet worden und wir also nix wie hin und rein.

Nach drei Stunden erlosch dann unsere Aufnahmefähigkeit zur Gänze. Also raus und an der Elbe mit den Hunden langschlendern – das tat gut!  „Ah“, sagte meine Frau, „kuck, ein toter Igel“. „Von wegen“, sagte ich, „der lebt noch“. Ein mittelgroßes Exemplar mit einer kleineren Verletzung, die seinen apathischen Zustand nicht rechtfertigte, lag da im Sterben. In solchen Fällen steht uns die Option des Ignorierens meistens nicht zur Verfügung, hier auch nicht. Mit dem kraftlos aufgerollten Igelchen auf dem Schoß meiner neben mir sitzenden Gattin fuhren wir fast anderthalb Stunden durch Dresden, wir irrten durch Dresden, denn an einem Sonntag Nachmittag als Ortsfremde den notdiensthabenden Tierarzt zu finden, ist nicht unproblematisch. Aber wir fanden ihn! Und Igelfachmann war er zufällig auch noch, Glück im Unglück. Kurze, aber sorgfältige Untersuchung, eine Aufbauspritze und eine gegen Innenparasiten. „Der kommt jetzt unter die Rotlichtlampe, wenn er morgen Zeichen der Erholung zeigt, wird er aufgepeppelt. Wenn nicht … eingeschläfert, Knochenchirurgie am Igel mach ich nicht“.

Der Mann hatte seine Grundsätze. Der ehemalige Staat ja auch. Etwas gewöhnungsbedürftig war uns seine Art. Etwas zwischen hochgehaltenem Standesbewusstsein und anachronistischer Arroganz der Macht. Tatsächlich war er nicht mehr als ein studierter Dienstleister, der davon lebt, dass Leute mit kranken Tieren zu ihm kommen. Und ihn in der Hoffnung auf Genesung des „kranken Lieblings“ angemessen bezahlen. Diese Tatsache war an ihm offensichtlich vorbeigegangen, ganz sozialistisch, versteht sich.  Aber hier ging es nicht um Überheblichkeiten oder gesellschaftspolitischen Unfug vergangener Zeiten oder gar um Deutschland – nein, hier ging es um Wichtigeres, wirklich Wichtiges, es ging um das Leben dieses kleinen Igels!

Der Doktor wollte kein Geld, noch zwei Sätze über Norddeutschland (von wo wir kommen), Händeschütteln und das war´s. Mehr konnten wir für das Igelchen nicht tun, es war wenig genug.

Auf dem Heimweg kamen wir an einem Graffiti vorbei: "Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk. Wir sind ein dummes Volk. Ich bin Volker".

10.3.08 18:24


Salzburger Nockerln

Werfenweng, ein kleines Örtchen in Österreich, Urlaub 2003. Im Tal war Sommer, auf den höheren Bergen lag Schnee, und da wollten wir rauf. Mit der Seilbahn also hoch, zack. Oben einige Stunden wild mit den Hunden durch den Schnee gewandert, herrlich war´s. Dann der Blick auf´s Handy (wer hat heute noch ´ne Uhr?) und … „Schockschwerenot, die letzte Gondel geht in 10 Minuten!“. „Wenn wir die verpassen“, gab meine Frau lakonisch zu bedenken, „dann müssen wir im Dunkeln den Abstieg machen, Prost Mahlzeit!“.

Und wir rasten wie zwei Gemsen auf Speed von zwei fröhlich bellenden Hunden eskortiert den Weg zur Station – was heißt „rasten“? Wir flogen stolpernd über Geröllfelder, grauenhaft! Wir schafften es! Ganz allein in der letzten Gondel. Das war ein Film, den das Leben selbst geschrieben hatte, dagegen konnte man Truffauts „Letzte Metro“ in der Tüte kokeln. Unten angekommen verspürten wir einen stechenden Appetit, und vor lauter Glückseeligkeit noch mal davon gekommen zu sein, kehrten wir in das nächstbeste Gasthaus ein. Und hier nahm das Verhängnis seinen Lauf, seinen Anlauf in Gestalt eines Kellners. Dieser in Schleim gemeißelte typisch österreichische Gurkenvogel offenbahrte uns die Karte, und Peter Alexander im Ohr bestellten wir zweimal „Salzburger Nockerln“, die Süßspeise aus Eiern, Zucker und Butter. Um´s kurz zu machen: Was dann nach 20 Minuten auf unseren Massivholztisch kam, war unbeschreiblich! Dieses antikulinarische Gebilde sah aus wie ein steifgeschlagener Kuhfladen, roch so und schmeckte auch so, wie nach dem ersten Löffel nicht mehr zu leugnen war. Entsetzlich! Essen konnte man diese „Scheiße“ nicht, das war uns klar, aber wohin damit? Noch heute, noch jetzt im Moment, da ich in die Tastatur hämmere, ist mir schleierhaft, warum wir damals nicht den Kellner herangewinkt haben, um ihm mit deutscher Überheblichkeit mitzuteilen, dass er sich seine „Nockerln“ dorthin schieben könnte, von wo sie vermutlich auch gekommen waren. Aber nein, eben das taten wir nicht! Wie zwei beim Petting ertappte Pennäler tuschelten wir, den Gestank der Süßspeise zu ignorieren versuchend (es gelang uns nicht; noch in dieser Sekunde kann ich den Geruch in meiner Nase rekonstruieren und mich nur mit äußerster Konzentration auf das Wesentliche am Erbrechen vorbeimogeln). Dann kam eine Lösung in Sicht, manifestierte sich, wurde für „gut“ befunden und in die Tat umgesetzt: Die aasresistenten Hundemägen wurden unterm Tisch mit großen Bissen der berühmten „Salzburger Nockernl“ direkt aus der hohlen Hand gefüllt. Unsere Hauswölfe freuten sich darüber wie über den toten Maulwurf letzte Woche, der hatte ähnlich geduftet.

Auf die Frage des Kellners, ob´s geschmeckt hätte, antworteten wir wahrheitsgemäß mit „Logo, nur für uns war´s nett das Rechte, gell“.

Endlich wieder an der frischen Bergluft freuten wir uns zu früh. Die folgende Nacht war eine Katastrophe, die zweite des Tages. Die schwefeligen Blähungen der Hunde ließen uns kein Auge zutun.

"Lebt eigentlich der Peter Alexander noch", fragte meine Frau nach Mitternacht, "der muß ja auch schon 200 Jahre alt sein, oder?".

"Der lebt noch, hab ich letztens beim Urologen im Wartezimmer inner Gala gelesen, oder wo auch immer", sachte ich, "angeln soll er nich mehr gehn, ist intellektuell schwer verschattet, aber er spielt im Keller wieder mit der Modelleisenbahn, glaub ich".

"Naja", sachte meine Frau, "der alternative Fallersleben für den deutschen Durchschnittsverlierer mit seiner Hymne auf die Kleine Kneipe, wo das Leben noch lebenswert sein soll, nech?".

"Genau, mein Engel, das hat Stephan Remmler in seinem Chanson doch viel besser aufn Punkt gebracht: Einer ist immer der Loser, ganz unten, ganz hinten, am Arsch", sachte ich.

12.3.08 15:32





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