Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 

http://myblog.de/huckebein

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Gleitsichtbrille

Im Grunde ist das Leben recht einfach: Entweder man stirbt jung – oder man wird alt. Und das Altwerden hat sicherlich so seine Tücken. Zum Beispiel das Nachlassen der Sehkraft. Irgendwann wird Lesen zur Glückssache. Ich ging zum Augenarzt, bekam bestätigt, was ich schon wusste und die Empfehlung, mir eine Gleitsichtbrille zuzulegen.

 Also ab zu Wenigmann, dem Unglaublichen. So ein Optikerladen erschien mir nicht ganz artgerecht. Steril, grell beleuchtet und überall Leute, die sich an den bespiegelten Wänden langdrückten, hin und wieder in die Unüberschaubarkeit der Gestelle greifend, Brillen aufsetzten, in den Spiegel kuckten, Kopf nach links drehten, kurz noch nach rechts, frontal – nein, zurück damit ins Regal. Eine Art Freizeitbeschäftigung schien das zu sein, die Leute machten einen durchtrainierten und entspannten Eindruck, keine Kurzatmigkeit, stramme Waden. Ich fühlte mich deplaziert, mit der Situation überfordert, unsportlich, verloren in Wenigmanns Reich. Dann trat ein angestellter Jüngling auf mich zu. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“, richtete er das Wort an mich. Aber sein Blick verriet anderes. Er musterte mich, tat mich ab: Alternder Feudel, mag er gedacht haben, und nich mal richtig kucken kanner mehr. Seine verachtende Überheblichkeit war geradezu hörbar. Du gelacktes Bürschchen, Du antiseptischer Nadelstreifenschwengel, dachte ich, Du Angehöriger einer Generation von Schnittblumen, ohne je Wurzeln gehabt zu haben wirst Du verwelken. Du hattest vermutlich nicht einmal eine Mutter, die Dir nächtelang die Waden kalt gewickelt hat, Du hattest bestimmt auch keine Oma, die im Herbst eingeweckt hat: Birnen, Gurken oder Kirschen. Du hast als kleiner Junge nie stundenlang in die Einweckgläser gekuckt wie in ein Aquarium, für Dich waren schwarze Nelken zwischen den halben Birnen keine Black Mollies, die Zwiebelscheiben zwischen den Gurken keine vorbeisegelnden Skalare, nein, Du hast Wick Medinait weggeschlürft und Dein Kompott kommt aus dem Discounterregal, Du erbährmlicher Konsument des 21sten Jahrhunderts, Du ahnungsloser Endverbraucher, Du … „Ja, Tach, ich brauch ne Brille“, sagte ich, “vielleicht Gleitsicht“. „Gut, dann kommen Sie bitte mal mit“, sagte der Schnösel und nach einer knappen Stunde der Peinlichkeiten, der Entwürdigung des Alters vor der Jugend, hatte ich sie: Meine Gleitsichtbrille. Gleitsichtbrillen für 99 Euro sind reine Werbung, die Wirklichkeit ist härter, viel härter: 600 Euronen hatte ich fortan auf dem Kolben sitzen. Aber die Tragödie begann erst noch …

So eine Gleitsichtbrille funktioniert nicht etwa in horizontalen Schichten, wie ich dachte, unten Lesen, inner Mitte Fernsehn und oben Autofahrn. Nö, voll daneben, es ist ungleich komplizierter! Der Gleitsichtschliff verläuft mehr in Form eines längs halbierten dicken Champignons, die Schärfenbereiche verlaufen pilzförmig: Lesen im verdickten Stammfuß, fernsehn irgendwo im Stiel und den Rest der Welt versucht man im Pilzkopf einzufangen. Für den praktischen Gebrauch bedeutet das eine beträchtliche Belastung der Halswirbelsäule, denn man ist ständig am Kopfdrehen, nach links, dann kreisend nach rechts, etwas nach oben, mehr nach links und dann doch wieder nach unten. Bevor man mit der Schärfensuche einigermaßen vertraut ist, muß der Oberschenkelbruch abgeheilt sein, denn die erste Treppe mit Gleitsichtbrille rauscht man in höchstem Maße desorientiert runter wie sonst nur bei der Drei-Schanzen-Tournee zu bestaunen. Nach den tristen Wochen im Krankenbett möchte man sich dann der Schönheit der Welt widmen, man gönnt sich ja sonst nix, und geht in die aktuelle Ausstellung in der städtischen Kunsthalle, Impressionisten sind Balsam für die gebeutelte Gleitsichtseele, denkt man, und steht dankbar vor der Kunst an den Wänden, Monet, herrlich. Oder doch nicht? So ein Gemälde hat natürlich seine Größe, ich meine seine Ausmaße. Und was setzt dann ein? Genau, das obligatorische Kopfdrehen, das Suchen nach der Schärfe. Was denken die Leute? Da steht einer vor den Seerosenfeldern von Monet und wackelt mit der Birne, dreht in alle Richtungen, vertikales Kreisen setzt ein, dann ein kurzes Zurück, nein, doch wieder ein Stück nach vorn … Es gibt wohl drei Deutungsmöglichkeiten: Da wäre der Ästhetikprofessor, der Kunstsachverständige aus der Schweiz, die Korriphäe der Heidelberger Uni. Zweite Variante wäre der motorikgestörte Vollidiot, der verblödete Selbstdarsteller. Und an letzter Stelle käme vielleicht der bedauernswerte Gleitsichtbrillenbesitzer, ein armer alter Mann am Klippenrand seiner Selbstachtung, jederzeit zum Sturz in den Abgrund bereit.

Naja, alles hat nun mal seine zwei Seiten, so auch die Gleitsichtbrille. Wirklich brauchbar ist das optische Gerät beim SMS-Schreiben oder Lesen bei 170 auf der Autobahn bei Nacht und Regen. Ohne Brille sehe ich weder das Display noch die Bremsleuchten vor mir, klar. Mit Normaleisen seh ich die Leuchten, kann aber nicht simsen. Mit Lesegläsern kann ich simsen, baue aber einen Auffahrunfall nach dem nächsten. Hier spielt die Gleitsichtbrille ihre Kunst voll aus: Alles ist möglich, Klasse!

 

21.2.08 13:05
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sockenanja (2.3.08 14:08)
Köstlich ... und so unglaublich treffend allein schon ob der Schilderung im Nasenfahrradgeschäft.

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung