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Salzburger Nockerln

Werfenweng, ein kleines Örtchen in Österreich, Urlaub 2003. Im Tal war Sommer, auf den höheren Bergen lag Schnee, und da wollten wir rauf. Mit der Seilbahn also hoch, zack. Oben einige Stunden wild mit den Hunden durch den Schnee gewandert, herrlich war´s. Dann der Blick auf´s Handy (wer hat heute noch ´ne Uhr?) und … „Schockschwerenot, die letzte Gondel geht in 10 Minuten!“. „Wenn wir die verpassen“, gab meine Frau lakonisch zu bedenken, „dann müssen wir im Dunkeln den Abstieg machen, Prost Mahlzeit!“.

Und wir rasten wie zwei Gemsen auf Speed von zwei fröhlich bellenden Hunden eskortiert den Weg zur Station – was heißt „rasten“? Wir flogen stolpernd über Geröllfelder, grauenhaft! Wir schafften es! Ganz allein in der letzten Gondel. Das war ein Film, den das Leben selbst geschrieben hatte, dagegen konnte man Truffauts „Letzte Metro“ in der Tüte kokeln. Unten angekommen verspürten wir einen stechenden Appetit, und vor lauter Glückseeligkeit noch mal davon gekommen zu sein, kehrten wir in das nächstbeste Gasthaus ein. Und hier nahm das Verhängnis seinen Lauf, seinen Anlauf in Gestalt eines Kellners. Dieser in Schleim gemeißelte typisch österreichische Gurkenvogel offenbahrte uns die Karte, und Peter Alexander im Ohr bestellten wir zweimal „Salzburger Nockerln“, die Süßspeise aus Eiern, Zucker und Butter. Um´s kurz zu machen: Was dann nach 20 Minuten auf unseren Massivholztisch kam, war unbeschreiblich! Dieses antikulinarische Gebilde sah aus wie ein steifgeschlagener Kuhfladen, roch so und schmeckte auch so, wie nach dem ersten Löffel nicht mehr zu leugnen war. Entsetzlich! Essen konnte man diese „Scheiße“ nicht, das war uns klar, aber wohin damit? Noch heute, noch jetzt im Moment, da ich in die Tastatur hämmere, ist mir schleierhaft, warum wir damals nicht den Kellner herangewinkt haben, um ihm mit deutscher Überheblichkeit mitzuteilen, dass er sich seine „Nockerln“ dorthin schieben könnte, von wo sie vermutlich auch gekommen waren. Aber nein, eben das taten wir nicht! Wie zwei beim Petting ertappte Pennäler tuschelten wir, den Gestank der Süßspeise zu ignorieren versuchend (es gelang uns nicht; noch in dieser Sekunde kann ich den Geruch in meiner Nase rekonstruieren und mich nur mit äußerster Konzentration auf das Wesentliche am Erbrechen vorbeimogeln). Dann kam eine Lösung in Sicht, manifestierte sich, wurde für „gut“ befunden und in die Tat umgesetzt: Die aasresistenten Hundemägen wurden unterm Tisch mit großen Bissen der berühmten „Salzburger Nockernl“ direkt aus der hohlen Hand gefüllt. Unsere Hauswölfe freuten sich darüber wie über den toten Maulwurf letzte Woche, der hatte ähnlich geduftet.

Auf die Frage des Kellners, ob´s geschmeckt hätte, antworteten wir wahrheitsgemäß mit „Logo, nur für uns war´s nett das Rechte, gell“.

Endlich wieder an der frischen Bergluft freuten wir uns zu früh. Die folgende Nacht war eine Katastrophe, die zweite des Tages. Die schwefeligen Blähungen der Hunde ließen uns kein Auge zutun.

"Lebt eigentlich der Peter Alexander noch", fragte meine Frau nach Mitternacht, "der muß ja auch schon 200 Jahre alt sein, oder?".

"Der lebt noch, hab ich letztens beim Urologen im Wartezimmer inner Gala gelesen, oder wo auch immer", sachte ich, "angeln soll er nich mehr gehn, ist intellektuell schwer verschattet, aber er spielt im Keller wieder mit der Modelleisenbahn, glaub ich".

"Naja", sachte meine Frau, "der alternative Fallersleben für den deutschen Durchschnittsverlierer mit seiner Hymne auf die Kleine Kneipe, wo das Leben noch lebenswert sein soll, nech?".

"Genau, mein Engel, das hat Stephan Remmler in seinem Chanson doch viel besser aufn Punkt gebracht: Einer ist immer der Loser, ganz unten, ganz hinten, am Arsch", sachte ich.

12.3.08 15:32
 


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